Zukunftseuphorie

Zukunft ist nicht die Verlängerung der Vergangenheit. Dieser Satz von Carl Popper poppt immer wieder auf bei mir. Er ist mein aktuelles Mantra. Viele Menschen glauben derzeit nicht an eine Zukunft. Die Hoffnung sinkt. Der Historiker Timothy Snyder weist im Magazin Datum (Sept. 2025) darauf hin, dass das Rauben von Hoffnung Strategie rechter Demagogen ist.

Während Diktatoren üblicherweise Kreide fressen und sich als bessere Demokraten ausgeben, zeigt sich Herr Putin absichtlich als das, was er ist: ein rücksichtsloser Diktator und Warlord. Das ist Strategie. Er will das, was passiert, als ausweglos darstellen, als unvermeidbar. Die Leute sollen die Hoffnung verlieren und in Angst versinken. Trump hat das von Putin gelernt. Auch er macht kein Hehl mehr aus seinen Absichten. Auch er macht Angst und bedroht Menschen und Institutionen, weil Angst lähmt. Je mehr Lähmung, desto geschwinder der Umbau.

Die „Bösen“ haben eine Agenda, die „Guten“ nicht

Die Situation derzeit sieht so aus, dass alle auf der „dunklen Seite der Macht“ eine Agenda haben, der sie folgen. Sie haben einen starken Purpose, wissen was sie tun und warum sie es tun und verstecken sich nicht einmal mehr. Sie wollen vorwärts in eine gloriose Vergangenheit aus Abschottung, Unterdrückung, Feudalismus. Sie verfolgen ein rückwärtsgewandtes Männlichkeitsbild, lassen sich für das Brechen von Gesetzen als coole Bad Ass-Typen feiern. Die Menschen auf der „hellen Seite der Macht“ haben all das nicht. Sie haben derzeit keine Agenda, kein taugliches Zukunftsbild, keinen Purpose, keine coolen Role Models. Sie schaffen es dadurch nicht, Ideen des Widerstands zu entwickeln. Sie versinken in Lähmung.

Einladung in die Zukunft

Wer beim Lesen des letzten Absatzes in Hoffnungslosigkeit versinkt, ist schon wieder in die Falle gegangen. Das ist bloß eine Beschreibung der Gegenwart, nicht der Zukunft. Es ist ein Aufruf, eine Einladung. Eine Einladung zur Zukunftseuphorie.

Die Entdeckung der Zukunft

Die Idee einer „Zukunft“ ist gar nicht so alt. In der griechischen Antike ist die Idee der Verfügbarkeit von Welt und Zeit erstmals aufgekommen. Nicht mehr die Götter bestimmten den Weltenlauf, der Mensch selbst fühlte sich berufen. Damit war dann in Katholizismus und Protestantismus schnell wieder Schluss. Die Welt wurde als determiniert betrachtet. Jeder sollte an seinem Platz bleiben und keine kühnen Visionen haben. Angesichts eines allmächtigen Gottes, der alles vorherbestimmt hatte, waren Zukunftsideen Anmaßung. Die Aufklärung (18. Jahrhundert) brachte dann abermals die Idee, dass das Ich frei ist in jeder Entfaltung. Eine bis dahin nicht dagewesene Zukunftseuphorie setzte ein. Der Mensch hatte „den Ausgang aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ (Immanuel Kant) gefunden. Die Menschen dachten plötzlich an — Zukunft.

Gedämpft wurde die Euphorie etwas durch das Zeitalter der Romantik (Ende 18.) und des Biedermeier (Anfang 19. Jahrhundert) mit Verkitschung und Rückwärtsbesinnung des Lebens. Die Sagenwelt des Mittelalters wurde en vogue, eine gute alte Zeit wurde beschworen. Nicht zu bremsen war dann der längst angeworfene Turbo der industriellen Revolution. Die Idee, Zukunft zu gestalten, wurde endgültig zum Mainstream.

Es gibt kein Ende der Geschichte.
Die Frage ist bloß, wer ihren Fortlauf bestimmt.
Wer bringt wirklich Zukunftseuphorie auf?

Zukunft kann man machen

Gegen etwas sein, … – das funktioniert nicht mehr, das hat keinen Pepp. Niemand entzündet sich an einer „Gegen“. Der Auftrag ist klar: Es braucht ein „Für“. Wir brauchen ein attraktives Zukunftsbild. Zukunft ist kein Schicksal. Zukunft kann man machen!

Innere Vorbereitung

Erstens. Fernhalten von Dystopien. Informiert bleiben, aber nicht hemmungslos Nachrichten konsumieren
Zweitens. Menschsein ist ein Live-Konzert. Mit Menschen direkt in Kontakt kommen, eigene wohlgesonnene Bubbles bilden.
Drittens. Sich der Kunst aussetzen – in welcher Form auch immer. Kunst ist ein Glückversprechen. Der innere Dialog mit Kunstwerken ist nährend.

Achtung! Unabhängige Presse!

Viertens. Ohne kritischen Journalismus stürzt die Demokratie schneller ein als man sich vorstellen kann. Bei aller Kritik an diversen Medien — diese Medien werden nicht besser, wenn man sich von ihnen abwendet. Leisten Sie sich Abos, verschenken Sie Abos. Sie verschenken damit Demokratie und freie Meinungsäußerung.

Mitmachen

Fünftens. Mitmachen, wo auch immer. Der Mensch ist ein soziales Wesen und er will teilhaben. Einer der großen Kritikpunkte am derzeitigen Stand der Demokratien ist mangelnde Teilhabe. Na dann, mitmachen bei irgendetwas Sinnstiftendem.

So schließe ich mit einem anderen Satz von Sir Carl Popper: Es ist sittlich richtig, das Positive anzunehmen.

>> zum Mitsingen: Komm, zünd ein Licht an

Oktober 2025