Wohlstand für alle?

Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz hat bei seinem Antritt im Mai des Jahres 2025 „Wohlstand für alle“ versprochen. Welch Déja-vu! Wohlstand für alle. Das war die große Parole der Nachkriegsgenerationen und der Kreisky-Regierung in den 70er Jahren.

Wenn jetzt, 45 Jahre danach, wieder (oder immer noch?) Wohlstand für alle ausgerufen wird, dann ist entweder eine politische Schallplatte steckengeblieben, oder es ist etwas gründlich schief gegangen.

Tatsächlich ist es so, dass das große Ziel des Wohlstand für alle erreicht worden ist. Der Zieleinlauf war in Europa irgendwann Ende der 70er Jahre. Offenbar ist es niemandem aufgefallen vor lauter Wachstum. Niemand hat die Zielflagge gehoben. Niemand hat gesagt: „Bravo, geschafft, gratuliere!“ Wir sind vor lauter Wachstumsfreude gewachsen und gewachsen und sind am Gipfel angelangt und es hat nicht genügt und wir sind weiter gewachsen und weiter und wir sind über den Gipfel des Glücks hinausgewachsen ins nächste Tal hinein. Wachsen und Bewegen ist uns Selbstzweck geworden, niemand hat jemals eine neue, gute politische Parole ausgegeben oder eine taugliche, neue Geschichte vom guten Leben erzählt. Jetzt sind wir eben wieder dort, wo wir vor 45 Jahren waren. Wir wünschen uns schon wieder „Wohlstand für alle“.

Kommt das alles wieder wie der Halley-Komet? Drehen wir hier auf Erden ewig unsere Ehrenrunden, ohne uns von der Stelle zu bewegen? Meine Frau Veronika tröstet mich in solchen Situationen und erinnert mich, dass Entwicklung spiralförmig passiert. Wir wendeln uns langsam, beständig die Wendeltreppe der Evolution hinauf. Wenn wir an einen Punkt kommen, wo wir aufjaulen und verzweifeln, weil wir schon wieder an demselben Punkt sind wie letztes Mal, dann ist es in Wahrheit nicht so. Es ist eine ähnliche Perspektive, aber eine Stufe höher auf der Evolutionsspirale.

Vielleicht sollten wir aufhören, von der Politik (wer auch immer das sein mag) ein neues Narrativ zu verlangen, eine neue Vision zu ersehnen. Es sind nicht immer die Allerbesten, die sich da an der Staatsspitze abrackern. Wir haben keine Philosophenkönig:innen, wie Platon es sich vorgestellt hat. Sie haben derzeit aus guten Gründen nichts anderes als den verlorenen „Wohlstand für alle“.

Wir sind es. Wir können uns zusammentun und Inseln der Zuversicht bilden. Ich wünsche mir Gespräche unter Menschen zur Frage „Wie wollen wir leben?“. Das ist eine Einladung. Schreib mir. Ich organisiere solche Gesprächsrunden.

[Dezember 2025]