Wassernot! Und das hier im alpinen Raum von Österreich. Das kam so überraschend (wie Weihnachten?). All die Beschwichtigungen von politischer Seite (vor allem von weit rechts), all der frenetische Jubel der Erdölstaaten, wenn auf einer der Klimakonferenzen wieder einmal ein Gesetz blockiert werden konnte, all die Facebookweisheiten von Sommern, die immer schon heiß waren – alles plötzlich in Dürre erlahmt. Weite Teile von Österreich waren eine Wüste. Tiere mussten notgeschlachtet werden, auf den Almen verdursteten Rehe, wie uns die Betreiberin der Ischler Hütte sagte. Die Bienen fanden Anfang August (2026) keine Blüten mehr und kreisten verzweifelt um ihre Bienenstöcke, wie uns eine Bio-Imkerin im Waldviertel sagte.
Seit 1972 ist das alles kein Geheimnis
Bereits im Report „Die Grenzen des Wachstums“ (1972) des Club of Rome wurde Wasser als eine der endlichen und kritischen Ressourcen behandelt. Der Bericht warnt davor, dass die Übernutzung von natürlichen Ressourcen – einschließlich Wasser – durch Bevölkerungswachstum, Industrialisierung und Umweltverschmutzung zu einer globalen Krise führen könnte. Besonders betont wird, dass die Verfügbarkeit von Süßwasser begrenzt ist und durch steigende Nachfrage, Verschwendung und Verschmutzung weiter unter Druck gerät. Der Report prognostiziert, dass ohne drastische Änderungen in der Ressourcennutzung und im Umweltschutz die Weltwirtschaft bis zum Jahr 2100 mit schwerwiegenden Engpässen konfrontiert sein wird, die auch den Wasserhaushalt betreffen. Der Report sieht in Wasser eine Schlüsselressource, deren Knappheit durch ungebremstes Wachstum und Umweltzerstörung verschärft wird – mit potenziell katastrophalen Folgen für Mensch und Ökosysteme.
Jetzt haben wir einen Vorgeschmack auf den Wahrheitsgehalt dieser Prognose erhalten. All das ist schneller gekommen als von der Wissenschaft prophezeit.
Warum hören wir nicht auf unsere Propheten?
Es heißt doch immer, dass gerade schlechte Nachrichten sich rasend schnell verbreiten. Wir können also nicht sagen, dass wir nichts gewusst haben. Offenbar hat das Verbreiten schlechter Nachrichten keine Konsequenzen für das tägliche persönliche und politische Handeln.
Die Wassernot hat bei mir eine Erklärungsnot verursacht. Hier ein paar Anmerkungen, die ja (auch mir) dabei helfen, bei der nächsten Katastrophenwarnung wachsamer zu sein.
- Verantwortung wird aufgeteilt. „Ich“ bin nicht gemeint. Menschen haben die betrübliche Neigung zu Schwarmdummheit. Jeder würde sich selbst, seine Familie, sein eigenes Haus angesichts einer Gefahr schützen. Wenn es aber um den gemeinsamen Planeten geht, bleiben wir weitgehend regungslos. Weil hier plötzlich die Verantwortung viel zu groß und nebulos erscheint. Bei 8,5 Milliarden Menschen kann es doch wohl auf mich nicht ankommen.
- Dramatische Veränderungen wie etwa die Klimaerwärmung passieren nicht in schnellen, überschaubaren Szenarien. Die Hitze steht nicht plötzlich vor der Tür wie ein tollwütiger Hund. Die Erde erwärmt sich nicht statistisch korrekt jedes Jahr um exakt 0,1 Prozent, damit es uns leichter fällt, den Anstieg wahrzunehmen. Es kommt vielmehr zu Schwankungen, extremen Ausbrüchen in alle Richtungen, schließlich zu exponentiellen Veränderungen – nichts, was wir im Alltag sehen können. Und wollen! Denn bei volatilen Zuständen können wir uns immer noch einreden, dass das alles nicht so schlimm wird, dass wir nicht gemeint sind, dass alles gut gehen wird.
- Es gibt in jeder Katastrophe Menschengruppen, die sich Vorteile für sich selbst ausrechnen. Die Erdöllobby zum Beispiel. Die Erde erwärmt sich um drei Grad, aber sie können jetzt noch Milliardengewinne einfahren. Die populistischen Rechtsparteien zum Beispiel. Wenn sie den ohnehin überlasteten Menschen sagen, dass das alles nur Klimahysterie ist, dann schaffen sie beim einzelnen Entlastung und Erleichterung – und bekommen als Gegenleistung Wählerstimmen. Fundamentalismus (religiös, politisch, eigene Glaubenssätze) ist der beste Garant dafür, dass Warnungen nicht ernstgenommen werden.
Und was tun wir jetzt?
Wir können wählen! Das ist ganz umfassend und allgemein gemeint. Wir können am Wahltag Parteien wählen, beim Einkaufen Produkte wählen, Lebenspartner:innen und Freund:innen wählen und wir können lernen, die Filter zu justieren, mit denen wir unsere Wahl treffen. Wir sind uns selbst nicht hilflos ausgeliefert. Wir können immer etwas ändern (siehe dazu mein Buch „Die Kunst, sich zu verändern“).
In Bezug auf Wasser weiß ich es nicht, weil ich kein Wasserexperte bin. Ich bin verwöhnter Österreicher, für den das Trinkwasser aus dem Wasserhahn kommt. Aber ich kann angesichts der Dürresituation aufwachen und wissen wollen. Ich kann auf die Webseite von „Wie wollen wir leben?“ schauen, wo im August/September 2026 einige erhellende Wasserartikel zu finden sind. Ich kann wissen wollen. Und tun wollen.
Wenn ich mich zur Liebe bekenne, dann bekenne ich mich zwingend auch zur Verantwortung dem gegenüber, was ich liebe. Liebe ist niemals gleichgültig dem geliebten Menschen, der geliebten Sache gegenüber. Liebe ich mein Leben, meine Kinder, mein Sein?
Ich stehe unten bei den Mülleimern unserer Hausgemeinschaft. Jemand hat Papier in einem Plastiksack gesammelt und den gesamten Sack im Altpapier versenkt. In mir kocht Ärger hoch. Dann nehme ich den Sack, öffne ihn und trenne den fremden Müll ordentlich. Einen Ort ein wenig besser zu hinterlassen, als ich ihn vorgefunden hat, ist schon einmal ein guter Schritt.
[August 2026]

