Problem im Anmarsch. Eigentlich sollten wir etwas tun. Aber wir tun nichts, oder zu wenig, oder sogar das Falsche. Warum nur? Da wir ja gerade in Zeiten mit einigen Katastrophenszenarien leben (Klima, Krieg, Faschismus), wollte ich auf Spurensuche nach der kollektiven Prokrastination gehen, die uns ab und zu überkommt.
Solange wir mit einem Problem nicht vertraut sind und keine Erfahrung damit haben, ist das Nichtstun ja verständlich. Als die Menschen begonnen haben, fremde Länder zu bereisen und von dort Sachen und Tiere mitzunehmen, war noch nicht klar, was es bedeutet, fremde Arten in ein Land einzuschleppen. Wenn etwas das erste Mal passiert, ist Überraschung vorprogrammiert.
Aber wir sind älter geworden. Wir kennen ein paar Menschheitsprobleme. Und manchmal tun wir dennoch nichts angesichts von Problemen, die bereits ganz offensichtlich und bekannt sind. Warum?
Nichtstun anhand von heranschleichenden Problemen
These 1: Die Verantwortung ist zu weit weg. Ja, ich weiß, was passiert, aber ich selbst, wir als Familie, wir als Firma, wir als Staat, wir als Europa, …, wir können alle nichts tun. Es liegt nicht an uns. Wir delegieren die Verantwortung an die jeweils größere Einheit, bis sie sich in Beliebigkeit und kollektiver Verantwortungslosigkeit auflöst. Ganz am Schluss war niemand Schuld, obwohl alle gewusst haben, was passiert.
These 2: Viele erkennen das Problem tatsächlich nicht, weil zu starke Schwankungen herrschen. Zum Beispiel beim Klima. Die Temperatur steigt ja nicht jährlich brav um exakt 0,1 Prozent jährlich, damit wir es gut nachvollziehen können. Vielmehr schlägt der Wert einmal hoch aus, und dann sogar tief ins Minus und dann wieder sehr hoch, so dass wir an jedem Punkt der Wahrnehmung sagen können: „na bitte, es ist doch nicht so schlimm“ oder „Sieh an, es wird sogar kälter.“. Erst wenn man drei Schritte zurücktritt, zeigt sich in der langfristigen Betrachtung der kontinuierliche Anstieg der Temperatur. Genau so ist es mit dem langsamen Absinken des Bildungsniveaus in einem Staat, oder anderen volatilen Entwicklungen.
These 3: Wir sehen das Problem nicht, weil wir die Veränderungen buchstäblich vergessen, obwohl wir sie miterleben. Menschen in einem Dorf erleben, wie der Wald langsam abgeholzt und durch Monokulturen ersetzt wird, wie der Dorfkern ausgehöhlt wird, wie der Dorfrand zersiedelt und zubetoniert wird – aber es geht so schleichend, dass sie sich daran gewöhnen. Erst jemand, der ein Jahrzehnt aus dem Dorf weg war, und nach Hause zurückkehrt, erkennt in einem Schockmoment das gesamte Ausmaß der Veränderung. Es gibt einen Fachausdruck für die schleichende Gewöhnung an Umweltveränderungen: Landschaftsvergesslichkeit. Vielleicht sollte man es „Gaia-Vergesslichkeit“ nennen, weil es ja letztlich nicht nur Landschaften, sondern alles hier auf diesem Planeten betrifft.
Nichtstun anhand von tosenden Problemen
Besonders spannend finde ich, dass manchmal auch dann keine Lösung versucht wird, wenn das Problem sich bereits mit Wucht eingestellt hat.
These 4: Nicht alle sind immer gleichermaßen von allem betroffen. Da gibt es immer welche, die weniger betroffen sind, und sich in der Katastrophe, die derzeit anderen widerfährt, einen Gewinn ausrechnen. Sie betrachten das Leben als Nullsummenspiel. Das bedeutet, dass, wenn einer verliert, ein anderer gewinnt (du hast ein Spielzeugauto, ich nehme es dir weg, dann habe ich es und du hast keines; daher ist die Summe Null). So kommt es, dass manche an Katastrophen verdienen wollen. Obwohl wir mittlerweile gelernt haben sollten, dass es auch Nicht-Nullsummenspiele gibt, also Spiele, wo andere gewinnen, wenn ich selbst auch gewinne. Die Liebe wäre das Höchste dieser Nicht-Nullsummenspiele.
These 5: Die vorher angeführte These beinhaltet ein rationales (wenngleich zutiefst amoralisches) Moment. Ich kann mir einen Gewinn ausrechnen. Es ist aber auch so, dass uns gänzlich irrationale Überzeugungen an Maßnahmen hindern, etwa wenn wir glauben, eine höhere Macht will es so, es ist Schicksal, oder „eh schon wurscht“. Da rechnen wir nicht mehr, sondern „wissen“, dass es nichts nutzt etwas zu tun.
These 6: Manchmal wollen wir auch die Wahrheit nicht wahrhaben. Social Media ist ein nahrhaftes Biotop für unveränderbare Ansichten. Ich fasse eine (auf Facebook vorbeischwebende) Meinung und behalten sie. Für meine Meinungen werde ich großzügig mit Likes und Thumbs Up und Kommentaren belohnt. Diese Likes sind wie Kitt. Sie betonieren die Meinung ein. Die Idee, dass ich falsch liegen könnte, wird durch meine Freude an den Followern weggewischt. Lieber in einer Bubble zur Meinungselite gehören als einen Irrtum zugeben. (ich habe gerade einen Text über den Philosophen Paul Feyerabend gelesen. Er hat vehement eine philosophische These vertreten, dann eine Analyse geschrieben und anhand seiner eigenen Thesen und Prämissen festgestellt, dass er komplett falsch liegt. Das nenne ich noch „einen Standpunkt haben“. Wer sich selbst vom Gegenteil überzeugen kann, wird in einer volatilen Welt überleben. Und zum guten Leben für alle beitragen können.)
Vielleicht ist das Neue Denken schon da
„Man kann mit schmelzenden Gletschern nicht verhandeln“, sagte mir einmal Jakob von Uexküll, der Gründer des Alternativen Nobelpreises. Die sechs angeführten Thesen sind genau solche Versuche, sich Katastrophen zu- oder besser abzuwenden. Vielleicht beschreiben sie Versuche aus der Vergangenheit und es ist schon längst so, dass ein Netzwerk aus wachen und liebenden Menschen da ist, die sich den Katastrophenszenarien mit anderen Mitteln nähern: mit der festen Überzeugung, dass wir Teil jener Natur sind, die wir so intensiv beleidigt haben. Mit der Fähigkeit, die Verbundenheit von allen mit allem zu erkennen. Mit jenem integralen Bewusstsein, wie es Jean Gebser beschrieben hat, wo es darum geht, das Ganze über das Ich zu stellen, weil wir nur im Ganzen aufgehoben sind.
Dieses neue Denken ist gewiss schon da, weil nichts plötzlich kommt. Alles hat eine Entwicklung, die anfangs unmerklich passiert und dann beschleunigt. Es gibt diese Biotope der Liebe und Wachheit. Es ist wahrscheinlich eh alles gut. Wir sehen es bloß noch nicht genug. Aber das wäre ja eine Aufgabe: das Neue selber leben, das Neue suchen und sichtbar machen, sich vernetzen.
Hier ein Lied dazu. Lasst uns Inseln bauen, helle Inseln im dunklen Meer.
PS.: ich werde mich dem integralen Bewusstsein von Gebser bald an anderer Stelle widmen und hoffe bis dahin, dass ich tunlichst nicht mehr in die Falle der hier angeführten untauglichen „Lösungs“versuche tappe.
[Juli 2025]

