Weihnachten ist die große Zeit des Wünschens und kleine Kinder in ihrer Welt der Wunder schreiben Briefe an das Christkind. Ihre Augen leuchten, wenn sie das Päckchen mit dem Erwarteten in die Hände bekommen.
Sich etwas wünschen – das wird nun mehr und mehr Alltagsbetätigung von uns erwachsenen Menschen, wobei das Christkind durch KI ersetzt wird. Wir setzen uns täglich mehrfach vor den Computer und schreiben Wunschlisten (= Prompts) an dieses digitale Zauberwesen, und – passend zu unserer Ungeduld – überreicht es uns in Sekundenschnelle unsere Weihnachtspäckchen. Wir müssen nichts mehr wissen, nur noch wünschen.
Für die Menschheit ist nun das ganze Jahr über Weihnachten geworden. Wir schreiben Prompts an unser Christ-KI-nd und die Augen leuchten, wenn wir das Ergebnis bekommen – eine Information, ein Bewerbungsschreiben, oder eine ganze Seminararbeit.
Irgendwann, so schreibt der Schriftsteller Clemens J. Setz in einem Essay, werden dann die Professoren die mit KI geschriebene Seminararbeit mit KI lesen und beurteilen. Dann reden die Computer miteinander und betreiben das mühsame Geschäft der Wissenschaft. In diesem Vorgang von Hoffnung, Glaube und Zuversicht müssen wir vertrauen, dass das, was das KI-Christkind uns hier liefert, auch stimmt. Wir prompten uns in eine Welt kindlichen Zaubers, ChatGPT lobt uns für unsere geniale Frage, alles ist gut. Es eröffnet sich eine Welt von Magie und Wunder, die von Algorithmen erbracht werden.
Wir könnten uns eigentlich auch zum Schachspielen treffen und jeder spielt mit seinem mitgebrachten Schachprogramm. Ich als Autor könnte mein nächstes Buch von ChatGPT schreiben lassen. Es gibt bereits „Autoren“, die das gemacht haben. Markus Steindl zum Beispiel hat die beliebten Kinderbücher „Für den wunderbarsten Jungen der Welt“ und „Für das wunderbarste Mädchen der Welt“ von der KI schreiben lassen. Weil die KI so wunderbar gearbeitet hat, gibt es zahlreiche Nachfolgeprodukte, etwa „Weil du ein zauberhaftes Mädchen bist“. Als Autorin scheint eine Mia Steindl auf. Mia ist der Name von Markus‘ Katze. Wenn man ChatGPT fragt, wie man auf Amazon im Selfpublishing erfolgreich Bücher verkaufen kann, empfiehlt die KI Kinderbücher als beste Einnahmequelle. (zitiert nach einem Artikel der Zeitschrift Datum). Das alles ist nicht verwerflich, es ist einfach möglich. Wir dürfen uns Seminararbeiten wünschen und auch Kinderbücher, Antwort auf Lebensfragen, Diagnosen für unsere Hautausschläge und wir dürfen die KI auch fragen, ob die KI den Menschen schaden könnte. ChatGPT hat mir geantwortet: „Ja, es könnte theoretisch passieren, dass ein KI-System so trainiert wird, dass es Menschen schadet – wenn die dahinterstehenden Entwickler das absichtlich tun oder wenn Sicherheitsmechanismen vernachlässigt werden.“ Dann ist es ja gut.
Die entscheidende Frage ist: Wie wollen wir leben?
Vielleicht kann es uns die KI sagen.
[Dezember 2025]
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PS.: KI und Geld

