Herzensbildung statt Bildung

Man sagt, es brauche Bildung, um Fanatismus und Anfälligkeit für Populismus keine Chance zu geben. Ich glaube eher, wir sollten die Bildung einstellen, und in Herzensbildung investieren | Photo by Hao Zhang on Unsplash

Wut, Hass, Rassismus und Fanatismus sind längst im Bürgertum angekommen, wie die Wahlergebnisse in Europa zeigen. Wie verhält es sich mit den Lehrern und Rechtsanwälten, welche die radikalen Parteien gewählt haben? Sind sie alle ungebildet? Wie sehen die ProtagonistInnen der radikalen, populistischen Parteien aus? Da sind promovierte Menschen dabei, die sich artikulieren können. Alle zu wenig gebildet trotz Hochschulabschluss? Wie hoch muss die Bildung sein, um gegen Radikalismus gewappnet zu sein, und wer definiert das?

Wir laufen hier einem Phantom nach und werden es nie erwischen. Noch in dem Moment, wo das gesamte Bildungsbürgertum wutschnaubend seinen Nationalismus und Rassismus auskotzen wird, werden die Redlichen nach Bildung schreien. In einer vergeistigten Welt, die das Denken ikonisiert, ist es nur konsequent, wenn redliche Menschen nach Bildung rufen, um in der Welt alles zum Guten zu wenden. Bildung, Wissen, lebenslanges Lernen. Geistige Konzepte, die gut machen sollen, was zu einem Gutteil von geistigen Konzepten verursacht worden ist.

Die Leute haben Angst

Natürlich stimmen die Untersuchungen von Matthew Goodwin, Politikwissenschaftler an der University of Kent (http://derstandard.at/2000061338030/Warum-die-Populisten-die-Welt-erobern-und-was-sie-aufhalten): „Der Brexit-Wähler hatte vor allem Angst, was diese Migration mit seiner nationalen Identität, der Gesellschaft und der Lebensweise im Land macht. Ob jemand viel oder wenig verdient, war für die Wahl nicht so wichtig. Entscheidend waren die Unterschiede in der Bildung. Die Briten ohne Qualifikation haben zu 75 Prozent für den Brexit gestimmt. Sie sind überfordert vom schnellen sozialen Wandel.“ Goodwins Augenmerk liegt auf dem Bildungsmangel. Er erkennt einen Zusammenhang, den es sicher gibt. Aber er übersieht das viel stärkere Movens der Angst. Die Leute haben Angst vor dem sozialen Wandel und das zieht sich quer durch alle Bildungsschichten.

Bildung hilft nicht gegen Angst

Wenn man ungebildet ist und auch noch Angst hat, ist es verheerend. Aber gebildet sein und Angst haben, führt auch zu keinem viel anderen Ergebnis. Die Angst macht den Unterschied, nicht die Bildung oder der Mangel an ihr.

Die Leute, die rechtsradikal wählen, sind nicht alle dumm. Sie haben Angst. Sie sind zum Teil sogar hasserfüllt. Und gegen ihre Angst und ihren Hass hilft es nicht, wenn sie alle Hauptstädte Europas richtig zuordnen zu und die vier höchsten Berge der Welt nennen können. Ich weiß schon, dass der Ruf nach Bildung in Richtung der fanatisierten Länder außerhalb Europas schallt, aber wieso legen wir anderen Ländern etwas nahe, was nachweislich bei uns selbst nicht funktioniert.

Bleiben wir also bei uns. Wenn wir uns in unserem Europa umsehen, werden wir feststellen, dass es nicht an Bildung und Wissen mangelt. Jeder ist frei im Zugang zu Wissensressourcen jeglicher Art. Noch nie waren die Menschen so gebildet wie heute und noch niemals hatten sie einen so umfassenden Zugang zu Informationen. Und doch hassen sie.

Das Hasspotential ist enorm

Das Hasspotential in unserer heutigen Gesellschaft ist um nichts geringer als zu Zeiten des Nationalsozialismus. Das einzig andere sind die politischen Schranken, diesem Hass Ausdruck zu verleihen. Die Populisten sägen an diesen Schranken, nicht weil sie Hass und Destruktion an sich wollen, sondern weil sie instinktiv spüren, dass es dadurch für sie etwas zu holen gibt. Dass dabei die Welt wieder einmal in Flammen stehen kann, schert sie nicht.

Wieso hassen wir?

Die jüngere Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Gewalt. Den Kindern werden im Geschichtsunterricht Jahreszahlen von Schlachten und Massenmorden beigebracht. Wir haben in der jüngeren Geschichte viele gute Argumente für Gewalt und gegen die Liebe gefunden. Unser rationales Denken kann sich Vorteile durch Gewalt ausrechnen. Etwas, was unser Herz niemals vermag. „Wirtschaft ist Krieg“, meint ein im Internet umtriebiger Werbeberater und lässt sich dazu in einem Carmouflageanzug mit Sonnenbrille und protziger Zigarre im Maul abbilden. Wo Krieg ist, entsteht Gewalt und Gegengewalt und Gewalt gegen die Gegengewalt. Gewalt schaukelt sich auf und wer sie anwendet, wird irgendwann durch sie umkommen. Ich bedaure es als Mann, sagen zu müssen, dass das männliche Verständnis von Wirtschaft und Politik auf dem Gegeneinander beruht und immer zu Gewalt und Krieg führt, wenn es kein Miteinander als Korrektiv gibt. Das männliche Konkurrenzideal hat Generationen von gewalterfahrenen Menschen hervorgebracht. Gewalterfahrung, Züchtigung, Unterdrückung und harte Erziehung erzeugen Hass. Eine Hälfte der Menschheit, die Frauen nämlich, wurden und werden teils noch unterdrückt, Völker unterdrücken Völker. Es kann daraus nichts anderes entstehen als Hass, weil die Energie sich ableiten muss.

Der Hass wartet im Untergrund

„Solange es unterdrückte und psychisch in ihrer Entfaltung behinderte Menschen gibt, lauert der uneingestandene Hass darauf, sich auszudrücken“, schreibt der Psychologe Peter Lauster, „es verschafft der Seele dieser Menschen eine tiefe, ihnen selbst unerklärliche Befriedigung, andere zu demütigen, ihr Leben zu zerstören.“ Das der Seele selbst Unerklärliche entsteht dadurch, dass Hass nicht eingestanden und für den Menschen selbst ein Tabu ist. Gleichviel ist der Hass da und wartet im Untergrund. Und wenn dann auch noch die legale politische Legitimation zur Hassentfaltung kommt, sind wir genau dort, wo wir in der jüngeren Menschheitsgeschichte schon so oft waren. Destruktivität lauert auf ihre Gelegenheit.

Und dagegen soll uns Bildung helfen? Völlig unmöglich. Wissen heilt keinen Hass. Nur die Liebe kann das. Es geht um Liebe. Wir sind eine total gebildete und unfassbar lieblose Gesellschaft. Nirgendwo kommt die Liebe vor – nicht in der Ökonomie, nicht in der Politik. Sogar viele Ehen werden als Aneinanderreihung von Scharmützeln geführt, mit dem Ziel, einen Endsieg zu erringen, der dann von der endgültigen Niederlage nicht zu unterscheiden ist.

Nur Liebe heilt

Wir brauchen keine Bildung, sondern Herzensbildung. Ich habe in meinem Umfeld viele Menschen erlebt, die als ungebildet gelten dürfen, aber unendlich warm und liebevoll waren und sind. Sie treten der Umwelt unvoreingenommen, offen und positiv entgegen.

Wenn es so ist, dass die Menschen Angst haben, dann kann nur die Liebe heilen. „Angst ist nicht befreite Liebe“, schreibt Phyllida Anam-Aire im „Keltischen Totenbuch“. Die Liebe ist das oberste Lebensprinzip und der Hass ist bestenfalls ihre Waffe, um ihr zum Durchbruch zu verhelfen. Vielleicht ist das die Erklärung für den Wandel von Liebe zu Hass in Beziehungen. Wenn die Seelen im Laufe der Paarbeziehung an Mauern stoßen, nicht weiterkönnen und behindert werden, beginnen sie zu schreien. Dann fangen die Menschen an, dem Partner Verletzungen zuzuführen, um Genugtuung für den eigenen uneingestandenen Hass zu erhalten. Vielleicht steht so der Hass letztlich im Dienste der Liebe. Aber wie lange wollen wir denn hassen, um endlich lieben zu können?

Ich bin daher sehr dafür, diese ganze unselige Bildung einzuschränken. Sie verblödet unser Gehirn, digitalisiert uns in unnötiger Weise. Das Denken macht unsere Sinne stumpf. Unser heutiges Bildungssystem ermächtigt uns bloß, in repräsentativen Studien und klugen Expertisen die Abgestumpftheit und Gefühllosigkeit der Gesellschaft darstellen zu können. Das dafür in schönen Schaubildern und bunten Diagrammen.

Raus aus der Schule, weg mit der Erwachsenenbildung! Die Formel vom lebenslangen Lernen ist eine Bedrohung, solange damit nicht Liebesfähigkeit und Selbsterkenntnis gemeint sind.

Wer lieben kann, wählt die Liebe

Die Energie, die durch den Wegfall dieser Wissensverstopfung frei wird, kann genutzt werden, um in den Wald zu gehen und feuchtes Laub zu riechen. Das wäre der erste, einfache Schritt hin zu einer verfeinerten Wahrnehmung. Den Wald einatmen, das Wasser fühlen, Tiere sehen und dann einmal die Berührung meiner Frau oder meines Mannes auf der nackten Haut wirklich bewusst wahrnehmen – das sind erste Schritte zum sensitiven Erwachen. Wer fühlt, öffnet sich für die Liebe. Das wäre dann das Ende von Hass, Fanatismus und Faschismus jeglicher Coleur. Wer lieben kann, wählt die Liebe.

„Du sprichst so oft davon, wie herrlich es sei, einen guten Kopf zu haben, und wer will’s leugnen, dass das auch seine Bedeutung hat?“, meinte der dänische Philosoph Sören Kierkegaard, „und doch glaube ich fast, dass man sich das selber geben kann, wenn man will. Gib einem Menschen Energie und Leidenschaft, und er ist alles.”

Ich werde in einem der nächsten Beiträge darüber schreiben, wie wir Herzensbildung erlangen können.

1 Kommentieren

  • So-Sein Sascha Posted 24. Juni 2018 22:42

    “Wer lieben kann, wählt die Liebe”, ja da kann ich so zustimmen.

    Welche Infos, welches Wissen will ich mir dann noch aneignen?
    Für mich ist nährendes Wissen, das was ich auf de Suche nach neuen Sicherheiten an den noch nicht erfahrbaren äußeren und inneren Rändern meiner Welt finde.

    Ich nenne es “learnability” als ständige Erweiterung des Erfahrenswissens.
    Grad hab ich mehr darüber geschrieben.
    Hier http://so-sein.at/wp/2018/06/learnability-die-momentane-bereitschaft-zu-lernen/

    Schönen Sommer, danke Harald, Sascha

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