Gebt uns das Internet zurück

Erstmals wurde die Monopolmacht und die Manipulationstechniken von Tech-Konzernen wie Meta, Google & Co wissenschaftlich untersucht. Martin Andree, Medienwissenschaftler an der Universität Köln, zeigt, wie durch unfassbare Privilegien, die wir selbst gewährt haben, ein Monopol entstanden ist.

Die Utopie des Internet war: alle sind mit allen in Verbindung, jeder darf sich mitteilen und austauschen. Oberflächlich betrachtet wirkt es auch so. Jeder darf alles überall posten. Verbindung allerdings wird keine mehr hergestellt, eher Trennung. Der „Austausch“ sieht eher so aus, dass man einander anschreit. Sind die Menschen für sittsames Miteinander im öffentlichen Raum nicht geschaffen? Sind wir Menschen radikaler, bösartiger, faschistoider geworden?

Es ist eher so, dass die Tech-Konzerne die Menschen gegeneinander aufhetzen. Die Algorithmen steuern die Postings und spülen kontroversen, auch verbrecherischen Inhalt nach oben. Damit lässt sich eben mehr Aufmerksamkeit generieren und das freut die Medien. Sie manipulieren sich also die Aufmerksamkeit und den Traffic, den sie für ihre Geschäfte brauchen, zurecht.

Das Perfide daran ist, dass die Tech-Giganten die Hände in Unschuld waschen und sagen: Das sind wir nicht! Die Menschen posten so grausige Dinge. Was soll man da machen? Wir sind nur Transporteure, so wie eine Telefonleitung. Was über die Telefonleitung gesagt wird, ist nicht in Verantwortung des Netzanbieters.

 

Die öffentliche Meinung Europas
in der Hand amerikanischer Tech-Konzerne

 

Das ist eine große Lüge, auf die wir alle hereingefallen sind und immer noch hereinfallen. Selbstverständlich sind Facebook, X & Co „Medien“, weil sie Inhalte gestalten und sogar manipulieren, Inhalte vorgeben und mit Inhalten von anderen (und sogar mit verbrecherischen und ungustiösen Inhalten) Geld verdienen. Weil die Politik auf diese Täuschung der Tech-Giganten hereingefallen ist, werden sie aber nicht wie Medien reguliert, sondern nur wie Netzwerke. Wir lassen ihnen somit politisch-rechtlich alles durchgehen, weil der Gesetzgeber einem Etikettenschwindel aufgesessen ist. Sie können nicht wie Medien belangt werden und haben Narrenfreiheit.

Was die Sache so unangenehm macht, ist die Monopolstellung. Der Markt der Suchmaschinen gehört zu 90% Google. Meta kontrolliert 85% des Social-Media-Marktes. Der Bereich der Videos wird zu 78% von YouTube kontrolliert. Diese Zahlen sind Ergebnis einer Langzeituntersuchung mit einem repräsentativen Paneel von 16.000 Personen in Deutschland, durchgeführt von Martin Andree. Er weist nach, wie sehr die Meinung der Europäischen Öffentlichkeit in den Händen einer Handvoll amerikanischer Tech-Konzerne ist.

 

Rechtsprivilegien
haben das Monopol ermöglicht

 

Naja, könnte man sagen, das liegt eben daran, dass die Produkte der Anbieter so grandios sind. Vielleicht ist die Wahrheit aber eher die, dass aufgrund dieser absurden Rechtsprivilegien die Tech-Konzerne diese Monopolstellung überhaupt erst erlangen konnten.

Würde Google als Medium behandelt werden, dann könnte man die Firma beim Ausspielen von fragwürdigen Inhalten medienrechtlich belangen. Aber das funktioniert nicht bei Google, oder Meta, oder X. Sie reagieren auf keine Beschwerdemails, auf Briefe vom Anwalt, sind de facto nicht erreichbar, haben keine ansprechbare Vertretung in den Ländern, wo sie konsumiert werden. Würde ein TV-Sender oder eine Zeitung so agieren, würden der Staat mit aller Gewalt des Rechts wirksam werden, denn es widerspricht dem Medienrecht, dem Konsumentenschutz, generell den Grundlagen unseres Wirtschaftssystems.

Meta, Google & Co genießen also ein Haftungsprivileg. Ein Medium, das für seine Inhalte nicht haften muss, hat enorme Wettbewerbsvorteile. Während eine analoge Zeitung für denselben sexistischen oder verleumderischen Inhalt vor den Richter muss, können die Social Media-Kanäle (sie heißen übrigens „Media“) beliebig weiter damit Geschäft machen. Unser Wirtschaftssystem funktioniert so, dass man, wenn man mit etwas Geld verdient, dafür haftet. Nur bei den Tech-Konzernen ist das nicht so. Wenn man mit Straftaten (Verleumdung, Rassismus, Diskriminierung, Sexismus, Volksverhetzung, Holocaust-Leugnung) Geld verdient, wird man verurteilt. Nur bei den Tech-Konzernen ist das nicht so. Genaugenommen ist die Bildung eines Monopols an sich schon ein unfassbares Privileg, das unseren liberalen Wirtschaftsordnungen widerspricht. Wir haben ja in unseren Gesellschaften bewusst Monopole aufgelöst und zerschlagen.

 

Auch die Bevölkerung
hat sich blenden lassen

 

Nicht nur der Europäische Rechtsgeber hat sich blenden lassen, auch die Bevölkerung. Menschen, die sonst überall Verschwörung wittern, zucken nicht mit der Wimper, wenn sie auf X, TikTok oder Facebook Nachrichten zugespielt bekommen. Das Vertrauen in die „neutralen“ Kanäle ist immer noch hoch. Auch die Bevölkerung nimmt den Tech-Konzernen offenbar die Lüge ab, dass sie nur ein Netzwerk sind. Auf den Gipfel getrieben wird das nun mit KI. Obwohl wir wissen, dass das KI-Tool „Grok“ von Elon Musk auf seine persönliche Weltanschauung hingetrimmt wird und „woke“ Inhalte aussortiert werden, spüren viele Menschen kein Gran Zweifel an den Ergebnissen von KI-Output.

Hätten wir früher je akzeptiert, dass ein Europäischer Fernsehsender 90% Marktanteil in Europa hat? Hätten wir es geglaubt, wenn die Geschäftsführung dieses Fernsehsenders sagt, wir mögen uns alle keine Sorgen machen, Redaktion und Geschäftsleitung sind strikt getrennt; da kommt es zu keiner Einflussnahme? Hätten wir wohlwollend zugesehen, wenn die Geschäftsführer dieses TV-Senders mit hohen Politikern auf privaten Yachten durch die Karibik fahren und dort Maßnahmen besprechen? Wir wären auf die Barrikaden gegangen. Medien sind eine tragende Säule der Demokratie und wir hätten es früher nicht zugelassen, dass diese Säule einfach demoliert wird. All das aber passiert jetzt.

Die Infos zu diesem Text stammen aus einem Gespräch, das Maja Göpel mit Martin Andree geführt hat. Andree hat sich erstmals in einer Langzeitforschung die Mediennutzung der deutschen Bevölkerung angeschaut und das Monopol und die Manipulationstechniken der amerikanischen Tech-Konzerne wissenschaftlich bestätigt.
>> Hier ist das Interview (Empfehlung! Dauert eine Stunde.)

 

„Seid’s vuasichtig
und lasst’s Euch nix g’foin“ (Ostbahn Kurti)

 

So, und jetzt will ich mein Internet zurück. Ich will das Versprechen der Freiheit eingelöst sehen. Und das geht so:

POLITISCH

1 Privilegien, die gegeben wurden, können auch genommen werden. Auch die absolutistische Monarchie wurde durch Demokratie ersetzt. Die Europäische Politik ist gefordert, Social Media neu zu regulieren.

2 Europa kann es nicht zulassen, dass die Kommunikation der europäischen Öffentlichkeit, europäischer Behörden, Militärs, … über amerikanische High-tech-Monopolisten läuft, die nochdazu klar machen, dass sie von westlichen Werten nichts halten. Europa ist gefordert, massiv den Aufbau von Social Media-Plattformen und Suchmaschinen anzuregen und sie dann auch nach westlich-liberalen Standards zu regulieren.

WIRTSCHAFTLICH

3 Den Kapitalisten fällt offenbar nicht auf, dass soeben der Kapitalismus abgeschafft wird. Ein paar High-tech-Oligarchen saugen die gesamte aus der Internetkommunikation zu lukrierende Wertschöpfung ab. Weltweit! Das heißt, dass der Wettbewerb ausgeschaltet ist. Die europäischen Interessensverbände könnten bei der Politik vorstellig werden, den Sachverhalt darlegen und eine Förderlandschaft anregen, die es erlaubt, zügig eine eigene Social Medialandschaft aufzubauen. (Bitte nicht so wie Kaufhaus Österreich 😉

PRIVAT

4 Raus aus den verseuchten Social Media-Kanälen und Messengerdiensten, soweit es nur irgendwie möglich ist. Es gibt Alternativen. Hier eine Anregung von den Pioneers Of Change.

5 Wir müssen uns zivilgesellschaftlich auf eine gedeihliche Zukunft verständigen. Lasst uns, ohne auf die Politik zu warten, regelmäßige Bürger:innen-Foren bilden, wo wir uns zur Leitfrage „Wie wollen wir leben?“ austauschen. Miteinander reden, statt am Stammtisch sudern. Lasst uns unsere Integrität und Kommunikationsmacht zurückholen.

Interesse an einem Gesprächskreis? Mail an mich!

[Jänner 2026]