Wir erleben derzeit das Aufkeimen von etwas, was man „demokratischen Faschismus“ nennen kann. Der historisch bekannte Faschismus hat sich unmittelbar gegen die Demokratie gewandt. Der aktuelle rechte Populismus aber nutzt die demokratischen Möglichkeiten, um in die Demokratie von innen einzudringen und sie von dort aus zu zerstören. Natürlich betonen diese Parteien, die „wahren Demokraten“ zu sein. Das Liebäugeln mit dem Totalitarismus ist aber sowohl den Parteien als auch einem Großteil der Wählerschaft bewusst. Die dominante Kraft ist die Zerstörung, die Lust an der Destruktion.
Derzeit segeln wir weltweit unter der Flagge von Thanatos. In der griechischen Mythologie ist Thanatos der Gott der Destruktion und des Todes. Er hat „ein eisernes Herz und ehernen, erbarmungslosen Sinn“, wie Hesiod schreibt. Die Zerstörung (Freud würde sagen: der Todestrieb) ist eine mächtige Emotion und tiefe seelische Ergriffenheit.
Thanatos steht als Antagonist der Eros gegenüber, der jugendliche Gott von Liebe und Schöpfungskraft. Das Feuer der Liebe, die Lust und Freude am Sein (Lebenstrieb) ist eine nicht minder kraftvolle seelische Energie. Eros und Thanatos – die beiden gehören zusammen, sind in stetem Dialog.
Wenn die Zerstörung für sich alleine steht, so bleibt nichts anderes übrig als genau das: zerstörtes Land, zerstörtes Leben, Trauma. Es braucht den Eros, um schöpferisch einzugreifen und das Neue entstehen zu lassen.
Wenn wir den demokratischen Faschismus am Werken sehen, so sind Angst und Destruktion seine emotionalen Quellen. Sein Gott ist Thanatos. Wo ist sein Bruder Eros? Eros, die Liebe, der Schöpfer, der Demokrat. Eros ist jugendlich und will aufblühen.
Satire und Logik – sie prallen an Thanatos ab
Alle bisherigen Versuche, dem demokratischen Faschismus zu begegnen, sind gescheitert. Mehr noch: sie haben Thanatos befeuert.
Was versucht wurde: sich über die Rhetorik und das Gedankengut von Trump & Co lustig zu machen. Satire muss sein. Aber sie überzeugt die Anhänger von Thanatos nicht. Trump verfügt über eine große Fähigkeit aller faschistischen Anführer, die Theodor Adorno erkannt hat: Er kann „das, was in ihnen latent vorhanden ist, ohne ihre Hemmungen ausdrücken.“ Die Wähler:innen erkennen sich in ihm wieder, weil er ihre Möglichkeiten „in besonders scharfer und reiner Ausprägung besitzt.“ Es ist daher völlig egal, wie er ist. Obwohl die Anhänger seinen Irrsinn großteils erkennen, verteidigen sie ihn und sehen Einzelteile als problematisch, das Ganze aber als stimmig an. Wer sich über Trump (Orban, Kickl, Le Pen, etc.) lustig macht, macht sich über sie lustig. Es festigt bloß die Bindung an ihren Gott Thanatos.
Was noch versucht wurde: argumentativ vorzugehen. Thanatos neigt zum Brüllen, mit Strategie und langfristigen Plänen hat er nichts am Hut. Er lässt sich daher oft sehr gut widerlegen, oder argumentativ herausfordern. Bloß: er und seine Leute nehmen die Herausforderung nicht an. Sie brüllen weiter und scheren sich nicht um Logik. Rationalität überzeugt verwundete Herzen nicht. „Es ist nicht zu erwarten, dass rationale Argumente dauerhafte Auswirkungen auf ein Phänomen haben, das seinem Wesen irrational ist.“ (Adorno).
Was aber dann? -> Geschichten von Zukunft und Lebenslust
Logik, Satire, politische Bildung – alles schön und gut. Doch in der Begegnung mit Thanatos und Eros sind sie alle gleich fruchtlos. Wir kennen es doch von der großen emotionalen Kraft des Eros. Wer hätte schon je einem Liebenden seine Liebe ausreden, oder wegargumentieren können mit dem Verweis auf Mängel am geliebten Wesen? Was hätte es schon je genutzt, sich über eine Liebe oder ein geliebtes Etwas lustig zu machen, ohne dass nicht die Liebe tiefer geworden wäre? Man kann von außen noch so viele gute Gründe gegen eine Liebschaft finden, die Liebenden selbst wird man damit nicht erreichen.
Die Quelle des demokratischen Faschismus ist pure Emotion. Eros und Thanatos sind zutiefst emotionale Kräfte. Der demokratische Faschismus bringt derzeit Narrative hervor, welche seine Anhänger abholen. Was daher zu tun ist – zusätzliche Narrative entwickeln, die sich aus dem Eros speisen. Geschichten erzählen von Zukunft, Lebenslust, Lebensbejahung. Einfach die Balance wieder herstellen zwischen der immer notwendigen Auflösung des Alten und der Geburt des Neuen. Thanatos hat solche Geschichten nicht. Er kennt sie nicht. Er braucht dazu den Eros. Es geht nicht darum, gegen die Kräfte der Destruktion anzutreten, sondern ihnen etwas Schöpferisches und Konstruktives zur Seite zu stellen.
Eine Einladung: Eros durch uns sprechen lassen
Ich spreche eine Einladung aus. Lasst uns regelmäßig treffen (online) und darüber reden, wie wir leben wollen. Daraus entsteht ein Zukunftsbild. Wir lernen etwas voneinander. Voraussetzung: Zeit, dabei mitzumachen (wie oft – das machen wir uns einfach selber aus). Alt, jung, geschlechtliche, politische Orientierung sind egal. Das ist eine basisdemokratische Versuchsanordnung, ohne dass irgendeine NGO oder Partei oder sonst eine Interessensgruppe dahintersteht. Einfach so. Weil wir Menschen sind. Weil wir weiterhin das gute Leben für alle wollen.
März 2026
Den Begriff „Demokratischer Faschismus“ habe ich von der spannenden Studie „Zerstörungslust – Elemente des demokratischen Faschismus“ von Amlinger et al, 2025

