Wir sind Natur.
Eine philosophische Betrachtung zum Tagungsmotto „Wieviel Natur braucht der Mensch?“ Tagung des Umweltministeriums, Dezember 2007 in Illmitz
Die Veranstaltung heißt „Spirit of Nature“, das klingt zuversichtlich. Der Natur wrd Spirit (Geist) zugeschrieben, Seele, Sinn. Doch zugleich wird schon gefragt, wieviel von diesem Spirit wir brauchen?
Wenn der Mensch als Kulturwesen die Frage stellt „Wieviel Natur braucht der Mensch?“, dann hat er sich und die Natur schon auseinander dividiert, dann ist sie schon etwas anderes außerhalb geworden. Zu dem man selbst nicht gehört. So als fragte man: wieviele Schuhe braucht ein Mensch? Und augenzwinkernd nimmt man an, dass die Frage durchaus auch so beantwortet werden könnte: dass der Mensch gar keine Natur braucht. So wie man mit ganz wenig Schuhen leben kann, kann man scher auch mit ganz wenig oder gar keiner Natur leben. Die Frage um die Natur als Lifestyle-Debatte.
Aber ist denn die Natur etwas außerhalb von uns?
Vor 60.000 Jahren ist etwas Dramatisches passiert. Der aufrecht gehende Affe hat begonnen, seine Toten zu bestatten. Er hat beschlossen, sie nicht der Natur zu überlassen. Nicht den Aasfressern und wilden Tieren. Er hat die Toten begraben und zeigte damit an, gedenken zu wollen, nicht vergessen zu wollen, Mitgefühl zu haben. Die Gedenksteine an den Gräbern sind ja nie für die Toten gedacht, sondern für die Zurückbleibenden. Als Zeichen des sich Erinnern-Wollens. Bestattung ist eine Art von Aktion, welche die Natur so nicht braucht. Es ist eine kulturelle Tat, keine natürliche. Die Kultivierung des Menschen hatte begonnen.
Die ersten Menschen waren durch und durch Natur mit ersten zaghaften Anzeichen von Kultur. Der Mensch war zu sich selbst aufgebrochen. Heute sind wir sehr weit gelangt am Weg zur Kultur. Wir haben alle Bereiche des Daseins und somit jegliche Form von Natur an uns und in uns unter eine ästhetische Kontrolle gebracht. „Der Mensch ist von Natur aus Kultur“, lautet ein philosophisches Diktum.
Wir essen. Wir trinken. Wir können nicht nicht essen und nicht trinken. Essen und Trinken ist Natur pur. Aber wir essen mit Messer und Gabel. Das ist Kultur.
Wir transpirieren. Aber wir duschen regelmäßig und verwenden Deo.
Wir kopulieren. Ein zutiefst animalischer Akt. Aber wir tun es verschämt.
Wir tragen Stoffe über unseren Körpern. Wir sagen von Kindesbeinen an „Bitte“ und „Danke“. Wir halten uns die Hand vor den Mund, wenn wir husten. Wir entleeren unseren Darm nicht öffentlich und gehen generell mit Körpersäften verschämt um. Alle Empfindungen, Verhaltensweisen, Äußerungen, Ausdünstungen und Ausscheidungen sind unter einer kulturellen Aufsicht.
Diese Kultur, auf die wir stolz sind, hat viele archaische Handlungen - wie etwa das Jagen und Töten - wegrationalisiert und delegiert. Über anderen archaischen Regungen liegt die Kultur oft nur wie eine dünne Lackschicht darüber.
Ziehen Sie sich doch bitte aus.
Diogenes von Sinope onanierte auf dem Marktplatz von Athen (das erste Happening
unserer Zivilisation!). Mehrere Leute stellen ihn zur Rede. Was er denn da tue, er sei doch kein Tier. Diogenes fischt sein Glied unter dem Mantel hervor und fragt: Ist das hier tierisch, oder nicht? Sigmund Freud schreibt: „Die Genitalien haben die Entwicklung der menschlichen Körperformen zur Schönheit nicht mitgemacht, sie
sind tierisch geblieben, und so ist auch die Liebe im Grunde heute ebenso animalisch, wie sie von jeher war.“
Da können wir machen, was wir wollen. In vielen Belangen sind wir nach wie vor tierisch. Wir haben die Natur kulturell verpackt. Aber sie ist deshalb nicht weg. Wir sind Natur! Nicht nur, aber auch! Der Mensch ist Natur und Kultur gleichermaßen. Ein Wesen in stetem Übergang. Wir sind Kulturwesen mit signifikanten Restbeständen an Natur.
Die Natur kennt nur das Überleben. Der Mensch kennt auch das Genießen.
Die Natur kennt nur den Trieb. Der Mensch kennt auch den Triebverzicht.
Die Natur kennt nur Reiz-Reaktion. Der Mensch kennt auch Reflexion.
Würden wir auf alles, was Kultur für uns ist, verzichten, wären wir entzivilisiert und verzweifelt. Jegliche Zurück-zu-Natur-Bewegung ist somit pure Romantik. Doch würden wir umgekehrt auf alles, was Natur in uns ist, verzichten. Was wären wir dann?
Dann wären wir ebenso Tiere, meint der französische Philosoph George Bataille. Der Mensch ist, was er ist, weil er Natur und Kultur in Balance hält. Ein zuviel von einem von beidem und der Mensch ist kein Mensch mehr.
„Der Mensch ist zunächst ein Tier, das arbeitet […]“, schreibt Bataille, „und aus diesem Grunde auf einen Teil seines Überschwangs verzichten muss. Aber gerade der Überschwang ist es, durch den wir nicht auf Dinge reduziert werden können. Die Animalität ist es, die uns den Wert der Subjekt-Existenz um ihrer selbst willen bewahrt.“ In der Kultur unterwerfen wir uns einem ästhetischen Rahmen von Geboten und Verboten, am besten ersichtlich an dem, was wir „Arbeit“ nennen.
Arbeit und andere kulturelle Leistungen sind laut Sigmund Freud nur unter Triebverzicht denkbar. Wir müssen Aggressions- und Sexualtrieb in Zaum halten und einzig durch diese Unterdrückung gelangen wir zu Kulturleistungen. Doch wr können diese Triebe nicht auf Dauer unterdrücken. Ab und zu müssen sie zu ihrem Recht kommen, damit die Seele gesund bleibt. Bataille meint überhaupt, dass einzig die Animalität unser Selbstwertgefühl als Subjekt bewahrt, weil wir nur dort frei von kulturellen Normen sind. Das ist letztlich ein Paradoxon, denn es bedeutet, dass uns erst der fallweise Rückgriff auf das Animalische zum Menschen macht.
Wir sind Natur. Wir sind Natur in gar nicht so kleinem Ausmaß, wie wir es in unserer kulturellen Präpotenz gerne hätten. Wenn wir daher so tun als bräuchten wir die Natur nicht, dann belügen wir uns.
Ich habe bislang – entgegen dem allgemeinen Usus – nur von der Natur in uns gesprochen und wortreich begründet, dass die Natur in uns ist. Ich halte das für notwendig, denn bei allen Diskussionen um Natur tun wir ja längst schon so als hätte das mit uns nichts zu tun. Wenn wir „Natur“ sagen, meinen wir ja immer nur Bäume und malerische Landschaft und ein paar artig in der Gegend verstreute Tiere. So eine Art Betrachtungs-Ästhetik.
Aber Natur ist eben nicht nur da draußen.
Natur ist eben nicht nur wie ein Paar Schuhe zuviel oder zuwenig.
Wir sind Natur. Und daher brauchen wir auch Natur da draußen irgendwo, weil wir sonst deprivieren und völlig entwurzelt werden. Wenn es nur mehr das gibt, was wir Kultur nennen, dann verelenden wir. Dann findet die Natur in uns keinen äußeren Bezug mehr.
Meine These: Wir brauchen exakt soviel Natur da draußen als noch Natur in uns ist. Das läßt sich jetzt nicht in Kilogramm oder Quadratmeter bestimmen (was der Kulturmensch ja so gerne macht), aber es lässt sich fühlen.
Zumindest heißt es, dass wir nicht gar keine Natur brauchen. Die Frage „Wieviel Natur braucht der Mensch?“ kann nicht mit „keine“ beantwortet werden.
Natur und Kultur sind Gegensätze und das macht es für uns Menschen so schwierig, sie in Einklang zu bringen. Sie sind als Antagonisten beide in uns und ziehen uns hin und her.
Der Mensch hat eben so seine dialektischen Probleme. Er tut sich immer schwer, zwischen seinen inneren Gegensätzen zu vermitteln und der Gegensatz zwischen Natur und Kultur in uns ist der Grundsätzlichste von allen.
Der Mensch sehnt sich nach Natur (da drinnen und da draußen). Doch dort in der Natur bleiben will er auch nicht. Bloß den Tieren ist die Natur noch natürliche, dauerhafte Umgebung. In dem Sinne als sie diesem Leben angepasst sind. Aber nicht deshalb, weil sie es unbedingt so wollen. Wüde man die Wildsau fragen, ob sie jetzt gerne da draußen im Schnee nach Futter sucht oder ob sie lieber in eine warme Stube mit einem Futtertrog kommen würde, - sie würde die wame Stube wählen. Nur: sie hat keine Alternative.
Natur ist grundsätzlich unbequem. Und „gut“ in einem ethischen Sinn ist sie auch nicht. Bequem ist nur die Kultur. Die Übernachtung im Freien an eiskalten Wintertagen bleibt Extrem-Alpinisten und bedauernswerten Bundesheer-Grundwehrdienern vorbehalten.
Es gibt verdammt gute Gründe, die Natur zu bewahren, aber machen wir es aus den richtigen Motiven. Nicht aus Gründen, die nur Heimatdichter interessieren.
Die Natur da draußen gewährt uns essentielle Ressourcen. Biologische und psychische. Wir benötigen ganz einfach Wasser, Erde, Luft und Holz zum Überleben.
Und wir benötigen die Natur als Lieferant psychischen Wohlbefindens. Die Berührung mit Holz, die Geräusche von Wald und Wasser, die Schönheit einer Landschaft ... berühren das Natürliche in uns. Wir fühlen uns aufgehoben und werden ruhig. Das ist keine Kleinigkeit.
Ich beschäftige mich seit Jahren mit dem Phänomen der Stille und habe dazu ein Buch geschrieben, das im Frühjahr 2007 herausgekommen ist. Die Stille ist uns im urbanen Umfeld abhanden gekommen ist. Stille, die ich im weitesten als reizfreien Zustand bezeichnen möchte, ist Grundvoraussetzung für Erholung. Die Menschen sind Rhythmus-Pause-Lebewesen, welche den Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung brauchen. Gibt es keine Stille im Leben, so gbt es keine Entspannung mehr. In dauernder Anspannnung erleiden wir Karoshi, wie die Japaner den Stresstod nennen. Die Weltgesundheitsorganisation hat „Stress“ zur größten Gesundheitsgefahr des 21. Jahrhunderts gekürt. Wir sind schon soweit.
Vielleicht auch deshalb, weil wir ein bisschen zu wenig Natur zulassen.
Bei all meinen Arbeiten zur Stille habe ich eine ganz banale Erkenntnis gezogen. Der Mensch wird ruhig, wenn er sich in der Natur befindet. Zwei Stunden Spaziergang in der Natur können durch Yoga und fernöstliche Meditation, durch Wellness-Urlaube und Selbstfindungsseminare nur unzulänglich ersetzt werden.
Nach einiger Zeit in der Natur – und da rede ich jetzt nicht von national verordneten Wandertagen – werden wir wie von selbst still. Wir gelangen in der Natur in Einklang mit einem unauslöschlichen Teil von uns selbst. Die Natur, obwohl sie selbst wahrlich nicht still ist – dauernd rauscht und klappert, knackst und braust es – macht uns ruhig.
Stille ist nicht Abwesenheit von Geräusch, sondern jenes Geräusch, das uns still werden lässt. Das sind natürliche Geräusche. Interessanterweise funktionieren sie auf CD nicht. Stille ist ein multisenuales Erlebnis aus Hören, Fühlen, Schauen.
Der weite Blick, der Wind im Gesicht, der Geruch nach nassem Holz. Das ist Stille. Natur hat eine natürliche Autorität.
Sind wir aber zu lange in der Natur, wird es unangenehm. Die Dunkelheit bricht herein. Wir haben uns verirrt. Wir werden unruhig. Kein Bankomat am nächsten Baum. Die Natur beginnt, uns wieder zu ängstigen. Dann müssen wir wieder in die Zivilisation zurück.
Dort allerdings werden wir, wenn es zu lange dauert, ebenfalls wieder unruhig. Daher brauchen wir dann wieder einen Besuch in der Natur. Wir sind Pendler zwischen den Welten. Zwischen Natur und Kultur. Einzig durch diese Pendelbewegung können wir Balance finden und bleiben was wir sind.
Wenn wir uns also heute so viele Fragen um die Natur stellen, so tun wir es, weil es im Sinne unserer Kultur ist. Die Natur an sich ist uns völlig egal. Wir haben bloß und völlig zurecht Angst, unsere Grundlagen zu zerstören, jene Basis, auf der wir alle ausnahmslos leben. Die Natur, die wir zivilisatorisch perfekt verwalten, ist die Grundlage unserer Kultur.
Fragen wir nicht nur „wieviel“, sondern auch: welche Natur braucht der Mensch?
Sehen wir uns an, welche wir haben.
Wir Menschen haben uns die Erde unseren Bedürfnissen gemäß Untertan gemacht. So wie wir uns selbst im Laufe der jahrhunderte mehr und mehr unter Kontrolle gebracht haben, so haben wir auch die Natur da draußen unter ästhetische Kontrolle gebracht. Es gibt in der westlichen Welt längst soetwas wie unberührte Natur nicht mehr. Sie ist heute museal ausgestellt in Reservaten und wird dort gemanagt. Rund um den wilden Urwald ist ein Zaun, damit uns nicht gruselt. Wir besichtigen die ungeschliffene Natur kurz, atmen durch und kehren weder in die Sicherheit der Kultur zurück. Die wahre Natur ertragen wir auf Dauer nicht mehr.
Wir reden immer davon, dass wir „die Natur kaputt machen“. Aber wir haben sie ja auch in uns kaputt gemacht, oder sagen wir mal: adaptiert und geglättet. Wir konnten daher gar nicht anders, als die äußere Natur unseren Bedürfnissen anzupassen. Wir haben auch die Macht dazu, also warum sollten wir es nicht tun?
Unser Bedarf an Natur ist mit der Zeit gesunken. Darum haben wir sie reduziert und zurechtgerückt. Wir wollen genau das, was wir haben, sonst hätten wir’s nicht:
eine Natur als Ausflugs- und Reiseziel. Unsere Aufgabe in der westlichen Welt, ist es, genau das bereit zu stellen. Eine anfassbare Natur, die nicht bedroht.
Das Maß an Natur, welches jeder braucht, ist individuell verschieden. Dem einen genügt eine Topfpflanze im Schlafzimmer. Der andere muss in einem weitgehend natürlichen Umfeld leben. Solange wir nicht sicher sein können, dass die Minimalanforderung einer Topfpflanze für alle genügt, müsen wir ausreichend Natur zur Betrachtung und zum Besuch bereitstellen. Und die Natur gut und umsichtig in unsere Kulturwelt einstreuen, so dass sie leicht für jeden in regelmäßigen Abständen erlebbar ist.
Wir müssen nur darauf achten, dass wir es mit der Kultivierung der Natur nicht übertreiben, weil wir in unserem Wahn annehmen, dass wir schon rein kulturbasierende Übermenschen geworden sind und Natur nicht mehr brauchen.
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